Avonex – eine Berg- und Talfahrt

Vorab: Avonex ist eine Basistherapie. Der Hersteller ist Biogen.

Ich habe Avonex insgesamt acht Monate eingenommen. Avonex ist ein Interferon, welches intramuskulär (also direkt in den Muskel) injiziert wird; ebenfalls wie bei Copaxone mit einem sogenannten Pen. Die Injektionsstelle soll jede Woche gewechselt werden.

Zu den Hauptnebenwirkungen zählen grippeähnliche Syptome, die während der Therapie auftreten können.

Der Spritzengraus

Ich habe mir mit der Therapie sehr schwer getan. Ich hatte irgendwie einen “Graus” vor der Spritze, obwohl ich das Spritzen an sich von Copaxone ja schon gewohnt war.

Ich dachte mir immer: “Oh nein. Morgen Abend ist es wieder soweit.” Ich ließ mir die Spritze von meinem Freund verabreichen. Ich kann mich bis heute noch erinnern, welche Belastung das sonntägliche Spritzritual für uns darstellte. Mein Freund leidete ebenfalls darunter. Er sagt heute noch: “Ich bin so froh, dass WIR nicht mehr spritzen müssen!”

Es ist meiner Meinung nach schon ein erheblicher Unterschied eine Spritze subkutan wie beispielsweise Copaxone oder eben intramuskulär wie Avonex zu injizieren. Eine intramuskuläre Injektion muss, da sie ja den Muskel erreichen soll, viel tiefer gehen. Das macht sich dann natürlich auch in den Schmerzen bemerkbar.

Am Tag des Spritzens sowie den darauffolgenden Tag lag ich meistens flach. Flach in dem Sinne, dass ich diese grippeähnlichen Symptome verspürte. Sonst ging es mir vorerst gut.

Leider hatte ich während der Therapie mit Avonex zwei Schübe.

Blatt mit Auszug aus Klinikbericht
Auszug aus Klinikbericht

Avonex: Mehr Downs als Ups

Was mich aber zu dieser Zeit viel mehr plagte, war meine Stimmung. Ich war auf einmal sehr empfindlich und sensibel. Ich fühlte mich so zerbrechlich. Ich legte alles auf die Goldwaage und war sehr nah am Wasser gebaut.

Ich war der Meinung, dass dies mit meinem damaligen Umzug nach Landshut und der räumlichen Trennung von meinem Freund, Freunden und Familie zusammenhing. Aber leider wurde es immer schlimmer. Ich weinte nahezu täglich. In der Uni fing ich plötzlich an zu weinen, ohne wirklich den Grund dafür zu wissen. Ich war richtig am Boden, fühlte mich leer und meiner Situation aufgeliefert.

Damals merkte vor allem mein Freund die Veränderung. Ich wollte zu dem Zeitpunkt aber mit niemandem darüber reden.

Ich verspürte eine leichte Scham, da ich ahnte, “was da mit mir los ist.”

Manchmal muss sich der persönliche Leidensdruck einfach erhöhen. Leider. Ich saß diese fast für mich unaushaltbare Situation noch einige Wochen aus mit der Hoffnung, dass “das schon wieder wird”. Falsch gedacht!

Am Gipfel meiner Verweiflung angekommen, wendete ich mich hilfesuchend per Email an die MS-Ambulanz. Ich schilderte meine Situation und schrieb meine Befindlichkeit nieder. Ich weiß bis heute noch wie verzweifelt ich war. Ich kannte mich so nicht.

Die Ambulanz rief mich sofort am nächsten Tag an und wies mich darauf hin keine Injektionen mit Avonex mehr durchzuführen. Ich sollte am gleichen Tag noch in die Ambulanz kommen.

Der dortige Arzt lobte mich erstmal, dass ich mich in dieser Situation, die für mich fast ausweglos erschien, an ihn wendete.

Er meinte: “Da sind Sie ja fast in eine Depression geschlittert! Wir werden die Therapie sofort abbrechen.”

In der Patienteninformation von Avonex ist folgendes vermerkt:

“Falls Sie vor Behandlungsbeginn unter Depressionen leiden oder früher einmal darunter gelitten haben, müssen Sie dies Ihrem Arzt resp. Ihrer Ärztin mitteilen. Informieren Sie Ihren Arzt resp. Ihre Ärztin auch unverzüglich, wenn Sie während der Behandlung an Depressionen oder Suizidgedanken zu leiden beginnen. Dies ist sehr wichtig, da Avonex möglicherweise an der Auslösung einer Depression beteiligt sein kann.”

Ich hatte noch nie mit depressiven Phasen oder ähnlichem zu kämpfen.

Nach dem Absetzen von Avonex ging es mir nach einigen Wochen wieder besser. Gott sei Dank! Ich bin im Nachhinein immer noch schockiert, was Interferone anrichten können. Das damals war nicht ich. Beziehungsweise kannte ich diese Seite nicht von mir.

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