Nachteilsausgleich bei chronischer Erkrankung

Ich habe 2009 ein Jura Studium begonnen. Für mich persönlich war das auf die MS bezogen ein Höllentrip. In dieser Zeit merkte ich die Krankheit immens. Ich habe damals ein Geheimnis aus meiner Krankheit gemacht. Vielleicht aus Scham, vielleicht aus “Ich schaff´s auch so”-Gedanken. Ich habe damals leider nicht das Gespräch zur dortigen Schwerbehindertenvertretung gesucht. Prinzipiell hast du aber mit der Diagnose MS bzw. jeder chronischen Erkrankung oder Behinderung die Möglichkeit einen Antrag auf Nachteilsausgleich im Rahmen eines Studiums, einer Ausbildung oder innerhalb der Schulbildung zu stellen.

Nachteilsausgleich in der Schulbildung

Die Förderung von Schülern mit Beeinträchtigungen ist seit 01.08.2016 im Rahmen der Inklusion neu geregelt. Rechtliche Grundlage in Bayern bilden der Artikel 52 Abs. 5 BayEUG sowie die Paragrafen 31 – 36 BaySchO. Für jede Schulform (Grund-, Mittel-, und Berufsschule sowie Gymnasium) gibt es unterschiedliche Verfahren. Hier kannst du oder dich umfangreich für jede Schulform in Bayern informieren: http://www.isb.bayern.de/schulartspezifisches/materialien/nachteilsausgleich-notenschutz/

Solltest du noch nicht volljährig sein, muss der Antrag durch deine Erziehungsberechtigten gestellt werden.

Stilleben, Schreibtisch mit Tasche, Heft, Uhr, Spitzer und Stiften auf Schreibtisch

Nachteilsausgleich im Studium

Generell gilt: Studierende mit Behinderungen und chronischen Krankheiten haben einen gesetzlich verankerten An­spruch auf Nachteilsausgleiche im Studium und bei Prüfungen.

Ich habe 2012 mein Jura Studium abgebrochen. Ja, ich weiß… Nach drei Jahren. Ich denke aber, dass mir diese Zeit trotzdem etwas gebracht hat. Ich habe zumindest gemerkt, wo ich hingehöre und in welchem Beruf ich ein Leben lang arbeiten möchte bzw. in welchem nicht.

In Vorstellungsgesprächen kam der “bunte Lebenslauf” übrigens sehr gut an. Ich erklärte diese Station meines Lebens und berichtete, was ich daraus gelernt hatte. Ich erzählte, wer ich heute war und was sich daraus durchaus auch Positives entwickelt hatte.

2012 habe ich dann das Soziale Arbeit Studium begonnen. Warum ich hier bereit war, den Weg zur Schwerbehindertenvertretung zu suchen… Hmm… Ich bin der Meinung, dass die Soziale Arbeit Studierenden tatsächlich “anders” sind. Anders in dem Sinne, dass man sich untereinander nimmt, wie man ist. Es ist mehr ein Miteinander statt ein Gegeneinander. Meine Kommilitoninnen haben mich sogar ermutigt, den Schritt zu gehen. Ich mag in dem Bereich vielleicht Vorurteile haben… Aber im Jura Studium war das undenkbar. Jeder war ein möglicher Konkurrent. Es gab immensen Leistungsdruck. Der eine gönnte dem anderen nichts.

Stillleben, Tisch mit Büchern und Stiftauf Schreibtisch

Ich bin damals mit meinem Vorhaben zur Schwerbehindertenvertretung gegangen. Dort wurde ich vollumfänglich beraten. Der Schritt wurde dann “Hand in Hand” mit der Schwerbehindertenvertretung gegangen. Ich konnte mich auch danach noch jederzeit dorthin wenden.

Möglichkeiten des Nachteilsausgleichs

Durch einen gewährten Nachteilsausgleich (§ 33 BaySchO) werden Prüfungsbedingungen angepasst:

1. die Arbeitszeit um bis zu ein Viertel, in Ausnahmefällen bis zur Hälfte der normalen Arbeitszeit zu verlängern,

2. methodisch-didaktische Hilfen einschließlich Strukturierungshilfen einzusetzen, einzelne schriftliche Aufgabenstellungen zusätzlich vorzulesen und die Aufgaben differenziert zu stellen und zu gestalten,

3. einzelne mündliche durch schriftliche Leistungsfeststellungen und umgekehrt zu ersetzen, mündliche Prüfungsteile durch schriftliche Ausarbeitungen zu ergänzen sowie mündliche und schriftliche Arbeitsformen individuell zu gewichten, sofern keine bestimmte Form der Leistungserhebung und Gewichtung in den Schulordnungen vorgegeben ist,

4. praktische Leistungsnachweise entsprechend der Beeinträchtigung auszuwählen,

5. spezielle Arbeitsmittel zuzulassen,

6. Leistungsnachweise und Prüfungen in gesonderten Räumen abzuhalten,

7. zusätzliche Pausen zu gewähren,

8. größere Exaktheitstoleranz, beispielsweise in Geometrie, beim Schriftbild oder in zeichnerischen Aufgabenstellungen, zu gewähren,

9. in Fällen besonders schwerer Beeinträchtigung eine Schreibkraft zuzulassen sowie

10. bestimmte Formen der Unterstützung, die der Schülerin oder dem Schüler durch eine Begleitperson gewährt werden, zuzulassen

Während meines Studiums der Sozialen Arbeit habe ich einen Nachteilsausgleich beantragt und genehmigt bekommen. Ich hatte 30 % mehr Zeit bei den Klausuren als meine Mitstudierenden. Das nennt man dann “Verlängerung der Bearbeitungszeit bei zeitabhängigen Studien- und Prüfungsleistungen (zum Beispiel Klausuren, Haus- und Abschlussarbeiten)”. Der Nachteilsausgleich hat auf alle Fälle Stress bei mir reduziert. Manchmal habe ich während einer Klausur einfach nur mal “durchgeatmet”.

Diese Unterlagen brauchst du für den Antrag auf Nachteilsausgleich

Zunächst benötigst du das vollständig ausgefüllte Antragsformular deiner Schule, Ausbildungsstätte oder Uni/Fachhochschule. Außerdem solltest du bei deinem Arzt ein fachärztliches Zeugnis, das Informationen zu Art, Umfang und Dauer der Beeinträchtigung oder der chronischen Erkrankung enthält, einfordern.

Ich habe mich damals im Studium an den Schwerbhindertenbeauftragten der Hochschule gewandt. Er hat dann zu meinem Antrag eine Stellungnahme abgegeben.

Ich kann dir also nur empfehlen einen Antrag auf Nachteilsausgleich zu stellen. Selbst wenn du ihn mal nicht in Anspruch nimmst… Es wird der Zeitpunkt kommen, an dem du froh sein wirst, ihn zu haben!

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